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Das Ende einer Ära im Norden und ein Stillstand in den Alpen

Lizenzverfahren im Glücksspiel

24 Anträge in vier Wochen. Ein knapper Monat. So lange brauchten 24 Glücksspielunternehmen, um nach Öffnung des finnischen Lizenzverfahrens am 1. März 2026 ihre Anträge bei der nationalen Polizeibehörde einzureichen. Unter den ersten Bewerbern: Hippos ATG Oy, ein Joint Venture des schwedischen Wettanbieters ATG mit dem finnischen Verband für Pferdesport. Branchenanwälte in Helsinki rechnen damit, dass bis zum Marktstart im Juli 2027 zwischen 40 und 50 Lizenznehmer zugelassen sein werden, einige davon mit mehreren Marken.

Das finnische Parlament hatte das neue Glücksspielgesetz im Dezember 2025 beschlossen. Der Präsident unterschrieb am 16. Januar 2026. Damit geht ein Monopol zu Ende, das über Jahrzehnte vom Staatskonzern Veikkaus gehalten wurde. Online-Casinos, Sportwetten, Slots und Online-Bingo werden ab Sommer 2027 für Anbieter aus der privaten Wirtschaft geöffnet. Lotterien und stationäre Automaten bleiben bei Veikkaus.

Der Grund für den Bruch ist weniger politisch als arithmetisch. Veikkaus hielt im iGaming-Segment laut H2 Gambling Capital 2025 nur noch 36 Prozent Marktanteil. Der Rest lief über ausländische Plattformen, ohne Steuerabgaben, ohne Aufsicht. Die finnische Regierung selbst räumte ein, ihre Glücksspielpolitik sei gescheitert.

Casinobetrieb und LizenzverfahrenBildquelle: pexels.com / Anna Shvets

Ein Monopolist, der seine eigene Abschaffung unterstützt

Veikkaus hat die Reform nicht nur hingenommen. Das Unternehmen hat sie gefordert. Generaldirektor Olli Sarekoski erklärte öffentlich, die Marktöffnung kanalisiere Spieler hin zu lizenzierten Angeboten und schaffe gleiche Regeln für alle. Ein Staatsmonopolist, der seine Privilegien freiwillig abgibt, weil er weiß, dass er den Markt verloren hat. Solche Sätze kommen selten aus der Chefetage eines Unternehmens, das 578 Millionen Euro jährlich an den Staat abführt.

Die Geschäftszahlen stützen Sarekoskis Haltung. Veikkaus' Umsatz fiel 2025 auf 936 Millionen Euro, ein Rückgang von 2,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Gesamtmarktanteil rutschte im ersten Halbjahr auf 48 Prozent. Parallel baut Veikkaus allerdings eine Tochtergesellschaft für internationales B2B-Geschäft auf, deren Umsatz sich 2025 verdoppelte. Das Unternehmen schrumpft im Inland und expandiert im Ausland, gleichzeitig.

Bis zu 620 Beschäftigte könnten ihre Stelle verlieren. Gleichzeitig stellt Veikkaus für die künftige Wettbewerbstochter neue Fachkräfte ein. Wer die Pressemitteilungen liest, bekommt den Eindruck eines Konzerns, der zwei Unternehmen gleichzeitig ist: eines, das sich auflöst, und eines, das entsteht.

Woran Spieler seriöse Anbieter erkennen

Wenn ein Markt sich spaltet, zwischen Monopol und Grauzone in Österreich, zwischen altem und neuem System in Finnland, trifft das vor allem die Nutzer. Lizenzierung durch eine staatliche Aufsicht bleibt das verlässlichste Kriterium. Finnlands neues Gesetz schreibt Identitätsprüfung, Einsatzlimits und ein spielerübergreifendes Sperrsystem vor. Influencer-Werbung für Glücksspiel wird komplett untersagt.

In Österreich gibt es ein solches Orientierungsangebot auf behördlicher Seite nicht. Win2day, das Portal des Monopolisten, ist die einzige legale Online-Option. Dafür gibt es eine handvoll seriöser Online Casinos, ausgewählt von casino.org Experten, die nach Kriterien wie Lizenzierung, Auszahlungsquoten und Spielerschutzstandards bewertet werden. Ob solche Vergleiche im Einzelfall belastbar sind, hängt von der Methodik ab. Sie füllen aber eine Lücke, die staatliche Monopolstrukturen offenlassen.

Österreichs 70-Prozent-Problem

Die Casinos Austria AG, Betreiber von win2day und sechs Spielbanken, gehört zu rund 60 Prozent der tschechischen Allwyn-Gruppe des Milliardärs Karel Komarek. Der österreichische Staat hält über die ÖBAG 33 Prozent. Das Finanzministerium beaufsichtigt den Glücksspielmarkt und verdient zugleich am Monopolisten mit. Governance-technisch ist das ein Konstrukt, das in Brüssel regelmäßig Stirnrunzeln auslöst.

Wie groß das Problem ist, zeigte eine im Januar 2026 veröffentlichte Studie: Der illegale Glücksspielmarkt in Österreich liegt demnach bei 435 bis 616 Millionen Euro. In der oberen Schätzung sind das 71 Prozent des gesamten Marktes. Nur drei von zehn Spielern nutzen den legalen Anbieter.

Christian Piska, Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Wien, hält das Monopol bei diesen Zahlen unionsrechtlich für nicht tragbar. Sein Argument: Wer 70 Prozent der Nachfrage nicht binden könne, könne die Einschränkung des Wettbewerbs nicht mit Spielerschutz begründen. Piska empfiehlt eine moderate Marktöffnung mit Lizenzpflicht und strengen Auflagen.

Finanzminister Markus Marterbauer sieht das anders. Sein Gesetzentwurf vom November 2025 hält am Monopol fest und setzt auf Repression: IP-Blocking, Zahlungssperren, Bußgelder bis zu einer Million Euro. OVWG-Generalsekretär Thomas Forstner hält diese Strategie für wirkungslos. Auf der Branchenmesse ICE in Barcelona im März 2026 hätten mehrere Unternehmen Technologien präsentiert, mit denen sich solche Sperren umgehen lassen.

Die bestehenden Konzessionen laufen Ende September 2027 aus. Die europaweite Ausschreibung neuer Lizenzen wurde jahrelang verschleppt. Jetzt arbeitet das Ministerium an einer Verlängerung bis voraussichtlich 2029. Internationale Anbieter positionieren sich trotzdem. Der US-Konzern Brightstar sondierte bereits die Österreichische Post als Vertriebspartner. Die maltesische Izi Group holte sich den ehemaligen WKÖ-Gastronomie-Obmann Mario Pulker als Teilhaber für ihre Österreich-Tochter.

Was Dänemark und Schweden nach der Öffnung zeigen

Dänemark lizenziert seit 2012. Die Kanalisierungsrate lag 2024 bei 91,5 Prozent. 162 illegale Websites wurden im selben Jahr per Gerichtsbeschluss gesperrt. Der Markt wächst. Im Mai 2025 erreichten die Umsätze mit 683 Millionen Dänischen Kronen einen Monatsrekord.

Schweden öffnete 2019. Die Kanalisierung stieg von unter 50 Prozent auf 85 Prozent im Jahr 2024, gemessen von der Aufsichtsbehörde Spelinspektionen. Der schwedische Pferderennanbieter ATG hält diese Zahl allerdings für zu hoch und schätzt die tatsächliche Quote auf 69 bis 82 Prozent. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Fest steht: Schwedens eigenes Ziel von 90 Prozent wurde nicht erreicht. Strikte Bonusbeschränkungen treiben offenbar einen Teil der Spieler zurück zu unregulierten Anbietern. Der schwedische Branchenverband BOS legte im Oktober 2025 eine Vergleichsstudie mit Dänemark vor, die genau diesen Punkt belegt, und forderte das Parlament auf, die Regeln im Casino-Segment zu lockern.

Beide Modelle verbessern die Kanalisierung gegenüber einem Monopol mit kollabierten Marktanteilen erheblich. Den Schwarzmarkt beseitigen sie nicht. Ob ein Lizenzsystem 85 oder 91 Prozent bindet, hängt von Details ab: Steuersätze, Werberegeln, Bonuspolitik. Jede Stellschraube verschiebt das Gleichgewicht.